WeltRaum: Beratung und Teetrinken, mitten im Stadtzentrum

In Jena entstanden im Jahr 2014 mehrere so genannte Flüchtlingsfreundeskreise. Ehrenamtliche schlossen sich zusammen. Sie gingen in die Unterkünfte, um mit den dort untergebrachten Menschen in Kontakt zu kommen. Diese niedrigschwelligen Initiativen, ohne institutionelle Anbindung, spielten damals eine zentrale Rolle. Einige waren Ausgangspunkt für langfristige Projekte zur Begleitung Geflüchteter. Eine Interviewte schildert dies am Beispiel des WeltRaums.

Die Anfänge: Gemeinsames Teetrinken & Kleiderkammer

Der WeltRaum von innen

2014/15, schon als die Flüchtlingswelle begann, wurde ich eingeladen zu einer Gesprächsrunde oder Welcome-Initiative in Jena. (…) Wir haben uns eine Art Begrüßungsprogramm überlegt, wie wir die Menschen einladen können, wie wir uns in die Flüchtlingsunterkünfte selber einladen können, was wir da installieren könnten, um so ne Art regelmäßigen Kontakt zu bekommen. Und der Gedanke war, als Nachbarn die neuen Nachbarn zu begrüßen, also die neuen Einwohnerinnen und Einwohner Jenas.

Die Idee eines niedrigschwelligen Begegnungsladens kommt auf

Wir haben wahnsinnig viele Spenden, Geschirr, Kleider, Dinge, andere Gegenstände des Alltags, also alles über die Spiele sonst was für Kinder und Erwachsene bekommen, haben dort auch viele von den Geflüchteten gesehen, die nach Jena gekommen waren.

Und dann hatten wir dort in diesem Ladenlokal die (…) Fantasie, es müsste einen Laden geben in Jena, wo man sich begegnen kann, wo es keine Zugangsvoraussetzungen gibt, wo man keinen Termin haben muss, wo es regelmäßige Öffnungszeiten gibt, also so etwas ganz Einfaches, wo man sich einfach treffen kann, ob Ehrenamtliche oder nicht oder [hatten] auch gar nicht über Stellen oder über irgendetwas nachgedacht. Und sind mit dieser Idee dann so ein bisschen hausieren gegangen also (…) haben das allen möglichen Leuten erzählt, auch Menschen von der Stadt, vom Stadtrat, dem damaligen Oberbürgermeister usw.

Der WeltRaum entsteht und etabliert sich

Und uns wurde dann das Angebot gemacht, dass wir unter dem Dach eines Vereins als Arbeitsgruppe arbeiten und diesen Laden betreiben können, [für] den die Stadt die Betriebskosten bezahlt. So war die Konstruktion (…) und da haben wir sofort zugesagt, hatten noch nicht viel darüber nachgedacht, dass [das] ja auch möglicherweise für die Stadt Jena, was Praktisches sein könnte, wenn’s ne Gruppe aus hauptsächlich Ehrenamtlichen gibt, die sich darum kümmert oder so. Wir hatten einfach nur gefunden, dass das was war, was wir gerne machen wollten und wo wir jetzt die Möglichkeit zur Umsetzung hatten.

Von Ehrenamtlichen und Bundesfreiwilligen

Es war ja seiner Zeit 2015 eine sehr große ehrenamtliche Gruppe, ebenfalls auch sehr viele Geflüchtete, die sich interessierten für unsere Beratung. Es lief natürlich einiges auch holprig an, bis dann alle irgendwie ein Level hatten, wo Deutsch gesprochen und vermittelt werden konnte, wo es die Übersetzungen gab und sowas alles. Und wir haben relativ schnell zwei Bundesfreiwilligendienststellen bekommen oder organisiert gekriegt (…). Zuvor waren wir eben nur ehrenamtlich am Arbeiten. Dann waren die Bundesfreiwilligen da, zwei syrische junge Männer und seitdem haben wir ununterbrochen zwei Bundesfreiwilligendienststellen. Halbe Stellen sind das jeweils (…). Wir haben jetzt einige von unseren Bundesfreiwilligen auch schon bis Ultimo verlängert bekommen, sodass der, der am längsten da war zwei Jahre jetzt da war.

Ein Beratungsangebot in allen Lebenslagen

Wir haben viele Menschen oder relativ viele Menschen, die heftig verschuldet sind. Das hat Corona noch verstärkt. Eindeutig. Also da man eben viel schwereren Zugang zu allen Behörden hatte, hat sich vieles mangels Sprachkenntnisse zugespitzt. (…) Familiäre Krisen, Scheidung, Trennungen, Dramen aller möglichen Art. Ganz viel ist das Thema Familiennachzug auch hier im Gespräch und das hat auf jeden Fall zugenommen. Also dass man, wenn man sich erst mal hier selber einigermaßen zurechtfindet, dass man dann natürlich seine Verwandten auch hier und in Sicherheit haben möchte.

Vor allem syrische Kundschaft & die prekäre Situation afghanischer Geflüchteter

Wir beraten hauptsächlich syrische Menschen, das hat sich daraus ergeben, dass wir, auch eher syrische Menschen beschäftigen und dass die afghanischen Geflüchteten andere Aufenthaltsstati bekommen, was ein großes Problem war -  schon immer - , das jetzt natürlich in dieser Krise noch viel größer geworden ist, und die gar keine Zeit haben, tagsüber in eine Beratung zu gehen, weil die rund um die Uhr versuchen müssen zu arbeiten, damit sie irgendwie einen Aufenthaltsstatus bekommen, um es mal drastisch zu sagen. Also die bekommen kaum Jobcenterbezüge, nur unter erschwerten Bedingungen haben die Zugang zu der normalen Versorgung in Deutschland. Und sind ständig bedroht von Abschiebung beziehungsweise von der Androhung der Abschiebung, vollzogen wird das ja in Thüringen seit geraumer Zeit nicht, glücklicherweise. Aber es wird eben damit gedroht, und sie bekommen keinen Aufenthaltsstatus, sondern immer nur diese, zum Beispiel, sechs Wochen Duldung was ja (…) [ein] unsäglicher Zustand ist. Das wird jetzt durch diese Notlage vielleicht endlich nochmal überdacht, aber das ist von Anfang an schwierig und auch deshalb haben wir weniger afghanische Kundschaft als syrische. 

Von Desinteresse und Alltagsrassismus in Jena

Es kamen immer mal Leute und haben gestänkert, auch ältere Leute. (…) Aber das ist ganz selten. Ist am Anfang, glaube ich, eher gewesen. Häufiger ist passiert, dass Menschen auch nach Jahren noch nicht mitbekommen hatten, dass der ehemalige Laden* hier nicht mehr drin ist. Und leider nehme ich viel Desinteresse von der alteingesessenen Bevölkerung wahr. Auch Bekannte von mir, die nach sechs Jahren immer noch nicht wissen, wo und was das überhaupt ist. Muss man natürlich auch nicht wissen, aber ich erzähle natürlich auch viel davon, weil ich mich ja freue, dass wir diese Sache irgendwie ins Laufen gebracht haben. Und Anfeindungen hat es auch gegeben. Wir haben mal besprühte Tür [gehabt] oder irgendwie so beklebte mit so hässlichen Zeichnungen. Aber mehr so dumme Sachen, wo wir nicht so genau wissen, wer das war. (…) Unseren Mitarbeitenden ist jeweils schon öfter was passiert. Denn in Jena ist ja schon so ein Alltagsrassismus ganz schön virulent, eher subtil, aber trotzdem am Kochen (…) Auch schlimme Sachen, Kindern gegenüber zum Teil und so. Oder [ein Mitarbeiter] ist mal geschlagen worden (…), wurde um eine Zigarette gefragt oder irgendetwas und kriegte eine reingehauen. Nicht im Zusammenhang mit der Arbeit hier, sondern auf der Straße oder in der Straßenbahn.

Lockdown in der Pandemie: beraten ja, aber ohne Teetrinken

Also hier unseren Mitarbeitenden geht es schon schlecht, wenn wir mal zwei Wochen Schließzeit haben, also regulär, in den Sommerferien zum Beispiel (…), da scharren die schon mit den Hufen und wollen wieder arbeiten (.)… Aber Corona war was ganz anderes, also da war es ja dann offiziell untersagt, auch natürlich zusammen Tee zu trinken und zusammenzusitzen. Haben dann einzelne Beratungen höchstens zu dritt in einem dieser Räume oder auch draußen gemacht und haben versucht, (…) den Leuten bisschen gerecht zu werden, ohne dass wir das Teetrinken haben. Aber wir haben alle gemerkt, dass das das ist, was eigentlich den WeltRaum ausmacht. Und uns hat das schon sehr gefehlt, also dieses Zusammensitzen (…) Aber wir hatten gleich zu Beginn der Corona-Zeit, als wir schließen mussten, im März 2020 hatten wir hier drei Schneider, die für die Stadt Jena Alltagsmasken genäht haben, drei syrische Schneider. Von Stoffspenden haben die, ich glaube, das Ziel war 10.000 Masken. Die haben wahnsinnig viele Masken genäht, die dann verschenkt wurden an Einrichtungen, Kindergärten. Und man konnte sich auch gegen (…) Spende oder so, konnte man sich auch privat Masken hier abholen.