Es ging gar nicht anders: Wie die AWO 2015/16 Flüchtlingsnotunterkünfte ermöglichte

Wohlfahrtsverbände sind zentrale Player in der Aufnahme und Begleitung Geflüchteter. Ein Sozialarbeiter der Arbeiterwohlfahrt (AWO) war ab Sommer 2015 für eine der ersten Jenaer Notunterkünfte in einer Turnhalle auf dem Gelände einer Berufsschule verantwortlich. Er erzählt wie innerhalb von wenigen Tagen eine leerstehende Sporthalle zum Wohn- und Schlafplatz für über 200 Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak umfunktioniert werden musste: Eine große Herausforderung für ehren- und hauptamtliche Helfer*innen, für Anwohner*innen und vor allem für diejenigen, die sich dieses vorläufige Zuhause über Monate mit anderen Bewohner*innen teilen mussten1.

Ort und Datum des Interviews: Jena, 13.10.2021

2014: Eine erste provisorische Unterkunft für Menschen aus den Balkanstaaten

Schon im Jahr 2014 kamen Geflüchtete aus den Balkanstaaten nach Jena und wir wurden von der Stadt beauftragt, sie hier in Lobeda zu betreuen und zwar in einer leerstehenden Schule, denn es gab noch keine Gemeinschaftsunterkunft. Die Schule ist jetzt wieder in Betrieb. Wir haben das Gebäude erst einmal eingerichtet, die ersten Menschen dort untergebracht und sozial betreut. Das heißt Anträge auf Leistungen begleiten, Arzttermine organisieren, begleiten, auch zu schauen, wer konnte mit wem in einem Zimmer untergebracht werden, wer kommt mit wem klar – das war auch unsere Aufgabe. Die meisten kamen aus Albanien, Kosovo, Mazedonien, ein paar Syrer waren auch mit dabei, aber nicht so viele wie im Sommer 2015. Manche konnten sogar gut Deutsch sprechen, weil sie schon in den 1990er Jahren in Deutschland waren und mittlerweile entweder freiwillig in ihre Heimatländer zurückgekehrt sind oder abgeschoben wurden. Ende 2014, Anfang 2015 sind sie wieder nach Deutschland gereist. Manche haben uns geholfen und waren Sprachmittler, wir konnten ja weder Albanisch noch andere Sprachen. Englisch konnten wir zwar, aber viele Geflüchtete nicht. Wir haben immer geschaut, wie wir uns mit den Menschen verständigen können. Kulturelle und religiöse Hintergründe haben im alltäglichen Zusammenleben gar keine so große Rolle gespielt, weil die meisten Muslime gewesen sind. 

Die Turnhalle stand leer und wir wussten, dass die Menschen am Montag zu uns kommen werden

Mitte 2015 hatte die Stadt Jena die erste Gemeinschaftsunterkunft fertiggestellt und die Betreuung vor Ort übernommen. Die Menschen, die sich im Asylverfahren befanden und vorher in der Schule gewohnt hatten, konnten dort direkt einziehen. Andere zogen bereits in eigene Wohnungen. Damit war unsere Aufgabe beendet. Im Spätsommer kamen dann aber viele Menschen nach Deutschland. Damals fragte uns die städtische Integrationsbeauftragte, ob wir nicht bereit wären, die erste Notunterkunft in einer Turnhalle zu übernehmen. Wir hatten zwei, drei Tage Zeit zu entscheiden und sagten schließlich zu. Die Notunterkunft befand sich in einer großen, leerstehenden Turnhalle in einer Berufsschule, dort sollten die Geflüchteten untergebracht werden. Am Donnerstag haben wir erfahren, dass die ersten Geflüchteten am nächsten Montag ankommen werden. Wir hatten also nur drei Tage Zeit, die Turnhalle vorzubereiten und zu schauen, wie wir die Menschen dort unterbringen. Die Stadt konnte uns nichts zur Verfügung stellen. Also haben wir einen Spendenaufruf über Facebook gestartet und die ersten Spenden gesammelt: Ganz konkrete Dinge wie Feldbetten, Decken, Matratzen wurden gebraucht. Und dann haben wir alles aufgebaut – alles war auf dem Boden, es ging gar nicht anders – und versucht, die Turnhalle in mehrere Teilbereiche zu gliedern, einen für Familien, einen für Alleinstehende, um möglichen Eskalationen vorzubeugen. Und dann kam auch schon ein Bus voll mit Menschen.

Die Menschen haben auch gemerkt, dass das nicht funktioniert

Zum Glück haben wir hier im AWO-Fachdienst für Migration und Integration Kollegen, die mehrere Sprachen sprechen. Wir haben mit der Übernahme von Turnhallen auch Sozialarbeiter und Sprachmittler neu eingestellt. Damit war jedenfalls die Kommunikation mit den Bewohnern kein Problem. Die meisten kamen aus Syrien, Irak, auch Afghanistan und wir haben Kolleginnen, die Arabisch, Persisch, Englisch, Russisch, auch andere Sprachen sprechen. So haben wir versucht, den Menschen zu erklären, dass es eine Notsituation ist. Dass es keine andere Möglichkeit gibt als diese Turnhalle und wir damit erst einmal klarkommen müssen, uns um eine andere Unterkunft bemühen, aber dass es einfach dauern wird. Einige haben das angenommen, andere sind einfach wieder zurückgefahren nach Suhl oder in andere Bundesländer. Das Bundesamt war nicht darauf vorbereitet, dass auf einmal so viele Menschen kommen und Asylanträge stellen. Es ist vorgekommen, dass Menschen in Aufnahmestellen schnell aufgenommen wurden, mit falschen Familiennamen, manchmal auch ohne Dokumente. Das heißt, es war auch möglich, am nächsten Tag in ein anderes Bundesland zu gehen, sich dort wieder anzumelden und zu schauen, ob die Bedingungen dort besser sind.

Aus der Not heraus

Am Anfang zum Beispiel mussten die Geflüchteten, um zum Arzt gehen zu können, eine Bescheinigung beim Sozialamt beantragen – damals gab es noch keine Gesundheitskarte. Aber es waren viel zu viele, die zum Arzt gehen wollten und beim Sozialamt vorsprachen. Die hatten gar nicht so viele Scheine vorrätig. Und dann hat die Stadtverwaltung uns als AWO bevollmächtigt, dass wir diese Bescheinigung direkt vor Ort selbst ausstellen können. Früher wäre so etwas undenkbar gewesen. Da hat man schon gemerkt, dass sich vieles verändert hat, dass die Sachbearbeiter der Stadt von ihren Verwaltungsvorschriften etwas abweichen konnten und bestimmte Verantwortlichkeiten auf uns übertrugen. Das war ein erster Erfolg, mit der Stadtverwaltung auf Vertrauensbasis zusammenzuarbeiten. Wir hatten auch Kooperationen mit Hausärzten in der Umgebung, so dass vor Ort unkomplizierte Arztkonsultationen mit Sprachmittlern stattfinden konnten. 

Das waren die ersten Berührungspunkte mit der Aufnahmegesellschaft

Bald ging auch die Schule wieder los – die Turnhalle ist ja direkt auf dem Schulgelände, und es gab auf einmal sehr viele Menschen dort. Manche Lehrer waren begeistert und haben gleich die ersten Sprachkurse, Sportangebote vor Ort organisiert. Mit der Zeit boten auch Bildungsträger direkt in der Schule Sprachkurse für die Bewohner an. Es gab aber auch Lehrer, die sich jeden Tag bei uns beschwert haben, dass Menschen ohne Erlaubnis auf dem Schulhof herumlaufen, obwohl es ein Band gab, das die Turnhalle vom Rest abtrennte. Manche wollten einfach die Schule entdecken und sind dort spazieren gegangen, manchmal auch nachts, das hat dann den Alarm ausgelöst. Auch Schüler sind manchmal in die Turnhalle gegangen, weil sie nicht mitbekommen hatten, dass dort Menschen untergebracht waren. So gab es erste Streitigkeiten mit der Schulleitung.

Integration ist keine Einbahnstraße

Von der anderen Seite, der Schule, kam aber auch Verständnis: „Ah, die Menschen brauchen manchmal auch frische Luft. Deshalb gehen sie auf das Schulgelände“. Und manchmal ist es auch gut gemeint, wenn sie etwas sagen und jemanden ansprechen, das ist keine Belästigung, sondern sie haben nur Kontakt gesucht. Man muss auch verstehen, dass die Schüler einfach sauer waren, weil sie den ganzen Winter über keinen Sport betreiben konnten. Aber dann haben sie verstanden, dass die Geflüchteten nur für eine bestimmte Zeit in der Halle untergebracht sind und irgendwann weiterverteilt werden, sobald neue Unterkünfte zur Verfügung stehen. Mit der Zeit haben die ersten Menschen, vor allem diejenigen aus Syrien, ihre Anerkennungsbescheide vom Bundesamt erhalten und konnten sich eigene Wohnungen suchen – die Kooperation der Stadt mit der Wohnungsbaugesellschaft hat da sehr geholfen. Die Stadt hat sehr viel ausgebaut und Wohncontainer errichtet, aber das hat ein bisschen gedauert, bis Mitte 2016 etwa. Ab dann wurden die Bedingungen besser, so dass manchmal pro Container [mit Zwischenwänden begrenzte kleine Wohneinheit] alleinstehende Personen zu zweit oder zu dritt oder manchmal auch eine Familie allein ein Areal für sich bewohnen konnten. Da hat man schon gemerkt: „Jetzt funktioniert es.“
Ungefähr ein Jahr lang bestand die Notunterkunft in der Turnhalle. Und es gab Druck von der Schule, die ihre Turnhalle zurückhaben wollte – ein Jahr konnte dort kein Sportunterricht stattfinden.

Andere Menschen suchten immer Anlässe, um zu unterstreichen, was die Geflüchteten alles Schlechtes machen

AWO-Öffentlichkeitskampagne anlässlich des internationalen Tages gegen Rassismus 2015 (Bild: AWO)

In dieser Zeit, also 2015-2016, gab es Ereignisse, an denen man gemerkt hat, dass es in der Gesellschaft Spaltungen gibt. Es gab Menschen, die helfen wollten, die die Menschen mit Blumen, mit Kaffee und Kuchen begrüßt und nach Hause eingeladen haben. Und es gab Menschen, die immer Gründe gesucht haben, um zu betonen, was die Geflüchteten Schlechtes machen. Warum bekommen die Geflüchteten so viele Sachen? Warum bekommen die Menschen in Deutschland das nicht? Das waren wahrscheinlich Menschen, die vorher vielleicht nie mit anderen Menschen etwas zu tun gehabt haben, die vielleicht nie in einem anderen Land gewesen sind. Wegen der Unis in Jena sah man – Gott sei Dank – auch schon vorher in der Stadt viele Menschen aus anderen Ländern, aber nicht so viele wie im Jahr 2015. Die Menschen kamen hierher und brachten ihre kulturellen, religiösen Hintergründe und Gewohnheiten mit. Das hat auch die hiesige Gesellschaft verändert. In den Zeitungen überwogen damals negative Berichte über Geflüchtete, und dadurch haben ganz viele Menschen auch Ängste bekommen. 

Das Engagement Ehrenamtlicher war essentiell für unsere Arbeit

Ohne zivilgesellschaftliche Unterstützung hätten wir unsere Aufgabe gar nicht wahrnehmen können. Diese reichte von Sprachkursen über Begleitung zum Arzt oder zum Amt bis zur Verfügungstellung privater PKWs für alle möglichen Wege. Dann kamen auch die Flüchtlingsfreundeskreise in die Turnhalle und haben mitgeholfen, bei Umzügen zum Beispiel. Sie haben individuelle Sprachkurse, Kaffee- und Teerunden organisiert. Es gab auch bereits erste Angebote, nicht nur bei uns, sondern außerhalb, wie in der Kirchgemeinde in Winzerla. Sie haben Menschen dorthin gebracht, zusammen mit ihnen gekocht, Geburtstage gefeiert, damit sie einfach mal aus der Turnhalle etwas rauskommen. Das hat gut funktioniert. Nicht alle Angebote klappten, und deswegen waren Helfende auch hin und wieder beleidigt oder enttäuscht: ‚Warum habe ich heute noch einmal Kaffee, Tee und alles Mögliche mitgebracht, aber es kam keiner?‘. Manchmal gab es einfach zu viele Angebote auf einmal, die nicht immer angenommen wurden, die Menschen wollten auch einfach mal ihre Ruhe haben.

Es gab Helfende, die eigene Grenzen überschritten haben

Andersherum gab es erste Auseinandersetzungen zwischen Helfenden und Sozialarbeitern. Wir haben manche Angebote abgelehnt oder auf Gefahren hingewiesen, z.B. dass es zu weit geht, wenn Helfende Menschen nach Hause mitnehmen. Es kam vor, dass sich die ersten Ehrenamtlichen belästigt fühlten, weil der eine oder andere auch nachts noch anrief, weil er Unterstützung brauchte. Die Ehrenamtlichen sind ja keine professionellen Helfer, sondern haben manchmal auch andere Ziele verfolgt, vielleicht einen Freund oder eine Freundin gesucht oder so, das hat man schon gemerkt. Und für diese Fragen waren wir Sozialarbeiter, die ersten Ansprechpartner vor Ort, haben Beschwerden bekommen: „Gestern hat mich XY in der Nacht angerufen. Ich möchte nicht angerufen werden.“ – „Dann versucht bitte Eure private Telefonnummer nicht so vielen Menschen zu geben.” Wir haben versucht, das alles ein bisschen zu professionalisieren, Schulungen für Ehrenamtliche anzubieten (zum Umgang mit Grenzüberschreitungen, mit Kindeswohlgefährdung, mit Gewalt in der Familie, mit Alkoholproblemen), Vereinbarungen abzuschließen, vorher zu klären, was Ehrenamtliche machen können und wofür die Profis zuständig sind, z.B. für die Beantragung von Leistungen. Wie können Ehrenamtliche sich Hilfe suchen, wenn sie z.B. von bestimmten Geschichten überfordert sind und nicht mehr weiterwissen? Die Leute haben ja nicht Sozialarbeit studiert, viele mussten lernen, zwischen Ehrenamt und privatem Leben zu trennen. Sie konnten ja nicht 24 Stunden für die Menschen da sein. Es ging sogar so weit, dass wir auch Supervision für Ehrenamtliche angeboten haben.

Ehrenamtlichen auch danken

Im Team haben wir zusammengesessen und überlegt, wie wir den Ehrenamtlichen auch danken können, z.B. durch die Übernahme von Fahrtkosten oder mit Veranstaltungen. Es gab auch Kollegen, die für Ehrenamts-Koordination zuständig waren und mit ihnen regelmäßige Gespräche geführt haben, über Schwierigkeiten, Möglichkeiten der Abgrenzung, über Hilfsangebote für Ehrenamtliche. Die ersten Freundeskreise haben dann auch angefangen, sich zu professionalisieren, wie der WeltRaum-Laden. Daran hat man schon gemerkt, dass die Zivilgesellschaft funktioniert. Es gab auch erste Vereinsgründungen mit Menschen, die damals in der Turnhalle untergebracht waren. Darunter waren ja Hochqualifizierte, die perfekt Englisch oder Deutsch gesprochen haben, weil sie entweder als Lehrer in Syrien oder im Irak und in Afghanistan gearbeitet hatten. Jedenfalls wurden Vereinsstrukturen notwendig, die den Ehrenamtlichen auch Schutz bieten. Manche haben Dinge getan, die nicht immer legal waren. Die Leute haben gemerkt, dass sie vom Gesetz belangt werden können.

Kontinuitäten und Veränderungen in der Begleitungs- und Beratungsarbeit nach 2016

Nachdem die Notunterkunft in der Turnhalle geschlossen wurde, bemerkten wir, dass die Integrationsarbeit beziehungsweise die Migrationsberatung eigentlich erst jetzt richtig anfing. Mit den ersten Bescheiden vom Bundesamt wechselten auch die Leistungsträger. Vorher war das Sozialamt zuständig, mit der Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft übernahm das Jobcenter. Die Stadt Jena war dann theoretisch nicht mehr für die Betreuung zuständig. Dennoch kamen viele Menschen in unsere Migrationsberatung für Erwachsene und in den Jugendmigrationsdienst, und wir konnten den Andrang nicht mehr bewältigen. Mit der Stadt haben wir dann die erste Leistungsvereinbarung abgeschlossen und bekamen drei Vollzeitstellen finanziert. So konnten wir die ersten Sozialarbeiter aus der Turnhalle – leider nicht alle – gleich mit übernehmen. Mit dieser Aufstockung konnte unsere Migrationsberatung ihre Aufgaben besser meistern und wahrnehmen. Und die Gesichter und Geschichten der Klienten waren für die Kollegen bereits bekannt, was die Zusammenarbeit sehr erleichtert hat.

Dafür tragen wir bis heute die Konsequenzen

Die Entscheidung auf der politischen Ebene, dass Deutschland Menschen aus Krisenregionen geholfen und sie aufgenommen hat, war richtig, finde ich. Und ich fand es traurig, dass manche Länder ihre Grenzen für Geflüchtete dichtgemacht haben oder Deutschland teilweise irgendwann damit angefangen hat, Menschen aus Krisenregionen unterschiedlich zu behandeln. So gab es zum Beispiel für Afghanen keine Möglichkeiten, einen Sprachkurs zu besuchen und sich hier zu integrieren. Die Afghanen waren in Deutschland nicht erwünscht, die Iraker ebenso wenig. Man sagte immer, Afghanistan ist sicher, die können doch zurückkehren. Die Aufnahme der Syrer hat man immer damit begründet, dass dort Krieg herrscht. Aber in anderen Ländern gab es ebenso Krieg und schlechte Perspektiven für die Menschen. Und für diese damals gemachte Unterscheidung tragen wir bis heute die Konsequenzen. Es gibt so viele Afghanen, die in Deutschland geblieben sind, die nicht abgeschoben werden können. In dieser Zeit haben viele keine Sprache gelernt, sie leben von staatlichen Sozialleistungen. Viele von ihnen sind seit 2015 immer noch im Asylverfahren oder in dieser Duldungskette, sie dürfen arbeiten, aber nur mit Einschränkungen, und das nervt die Menschen auch. Es gibt Menschen, die nach Afghanistan und anderswo abgeschoben worden sind und dann wieder hierhergekommen sind. Letztendlich werden sie hierbleiben, sie werden nicht zurückkehren. Sie sind mittlerweile auch Teil dieser Gesellschaft.

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